Didaktisches Design von videobasierten Selbstlernangeboten
Didaktisches Design versus Instructional Design
Was ist und was leistet das didaktische Design?
In den Anfangszeiten von E-Learning entstanden viele Selbstlernumgebungen, für die man vorhandenes Material einfach «ins Netz stellte». Der Wissenskorpus wurde digitalisiert und den Lernenden ohne weitere didaktische Aufbereitung präsentiert. Analog zur Übertragung von Informationen von einem Sender zu einem Empfänger sollten Lernende dieses Wissen aufnehmen und verarbeiten. Kerres (2005, 157) spricht in dem Zusammenhang von einem naiv-technizistischen Wissensverständnis. Denn Wissen kann nach der heutigen Auffassung nicht einfach vermittelt oder transportiert werden. Deshalb geht das didaktische Design davon aus, dass Informationen in einer ganz bestimmten Art und Weise aufzubereiten sind, um Lernprozesse anzuregen.
Didaktisches Design, also die Planung und Entwicklung von Lernumgebungen (Unterricht oder Selbstlernangeboten), orientiert sich
- an der Allgemeinen Didaktik und
- am Instructional (System) Design.
«Didaktisches Design kann nicht garantieren, dass erfolgreiche Lernprozesse stattfinden, weil niemand eine künftige Unterrichtssituation in ihrer Dynamik (samt Hindernissen und Konflikten) voraussehen kann.» (Reinmann 2013)
Instructional Design
Geschichte und Modelle
Die Anfänge des Instruktionsdesigns gehen auf gross angelegte Schulungen des US-Militärs in den 1960er Jahren zurück. Dafür war ein einheitliches Vorgehen aller Beteiligten notwendig. Deshalb wurden didaktisch aufbereitete Texte oder Videos zusammen mit Anweisungen für die Lehrpersonen zu Lernpaketen zusammengefasst. Instructional Designer sollten die Qualität der Lernangebote sicherstellen. Instructional Designer folgen vorgegebenen Planungsschritten und treffen pädagogische Entscheidungen auf Basis von empirischen Studien sowie Erfahrungen aus Projekten.
Eines der ersten Instructional-Design-Modelle stammt von Robert M. Gagné (Conditions of Learning, Nine Events of Instruction). Dabei geht es um die systematische Anwendung pädagogisch-psychologischer Prinzipien bei der Konzeption von Lernumgebungen. «Instruction» ist allerdings weiter gefasst als im deutschen Sprachgebrauch und meint nicht nur die Unterweisung, sondern generell Unterricht oder Lehre. Die ersten Ansätze des Instruktionsdesigns waren stark behavioristisch geprägt.
Heute existieren über 100 solcher Modelle, die abhängig von der Entstehungszeit auch kognitive oder konstruktivistische Anforderungen an die Gestaltung von Lernumgebungen miteinbeziehen. Die einzelnen Modelle sind in ihrer Schwerpunktsetzung sehr unterschiedlich, je nachdem ob sie auf die Entwicklung von Unterricht, Medienprodukten oder ganzer Curricula fokussieren. Eine projektartige Herangehensweise für alle Instructional-Design-Ansätze ist das ADDIE-Modell (Analysis, Design, Development, Implementation, Evaluation). Dort, wo mehrere Personen oder Entwicklungsteams beteiligt sind, ermöglicht es das Instructional Design, koordiniert tätig zu werden.
Kritik am Instruktionsdesign
Viele Instructional-Design-Modelle zielen zum Beispiel darauf ab, Entscheidungen für die Unterrichtspraxis zu systematisieren. Diese Erwartungen kann das Instructional Design jedoch kaum erfüllen. «Die Zielsetzung, Instruktionssysteme zu entwickeln, um die Methodenselektion zu automatisieren [...], ist bisher in keinem Fall wirklich gelungen.» (Schulmeister 2004, 4)
Issing (2002, 172) kritisiert, dass sich das systematische Instruktionsdesign zu sehr an einem zielgerichteten und auf Effektivität ausgerichteten Lernen orientiere. In offenen, eher konstruktivistisch ausgerichteten Lernsituationen sollten Lernende selbst Entscheidungen treffen. Sie setzen sich passend zu ihren Lernvoraussetzungen, ihrer Motivation, den Lernstrategien etc. eigenständig mit den Inhalten auseinander.
Je nachdem, ob sich jemand mit einem Selbstlernangebot autodidaktisch Wissen aneignen will oder in Lerngemeinschaften kooperativ Fragestellungen bearbeitet werden, stellen sich bei der didaktischen Umsetzung andere Fragen. Es kann also kein allgemeingültiges oder idealtypisches Vorgehen für die Planung von Lernangeboten geben.
Michel Kerres (2018, 263) empfiehlt ganz nach dem Motto «Design dein Design», nicht ein Vorgehensmodell schablonenhaft anzuwenden, sondern eines zu entwickeln. Das Ziel muss darin bestehen, das geeignete Vorgehen für ein Vorhaben zu finden und das eigene Vorgehen zu reflektieren.