Didaktisches Design von videobasierten Selbstlernangeboten
Videofeedback
In welchen Situationen eignet sich Videofeedback?
Die grösste Wirkung entfaltet Feedback dann, wenn es vor der Evaluation beziehungsweise Bewertung stattfindet. Kommt das Feedback gleichzeitig mit der abschliessenden Note, sind die Studierenden weniger interessiert, da der Lernprozess für dieses Thema beziehungsweise Modul abgeschlossen ist. Wenn das Feedback also einen Effekt auf das Lernverhalten oder die Arbeit von Studierenden haben soll, müssen Dozierende Gelegenheiten dafür schaffen, bevor die Note bekannt gegeben wird. Naheliegend sind formative oder mehrstufige Leistungsnachweise (vgl. Zimmermann 2018, 74 sowie Hattie 2007, 2). Häufig sind das formative Prüfungen oder Projekte, bei denen etwa eine Planung, ein Drehbuch, ein Grob- oder ein Feinkonzept eingereicht wird, bevor das Projekt tatsächlich umgesetzt wird.
Videofeedback eignet sich besonders, wenn Feedforward im Vordergrund steht – wie im oben skizzierten Szenario. Förderorientierte Feedbacks scheinen dem Naturell von Videofeedback zu entsprechen. Andererseits ist Videofeedback weniger geeignet, wenn eine (formelle) Bewertung oder Evaluation mit Note kommuniziert wird.
Exemplarischer Aufbau
Die Monash University hat ein Design mit sieben Komponenten entwickelt (vgl. Philips, Ryan und Henderson 2017), welches gewährleisten soll, dass das Feedback den grösstmöglichen Nutzen hat. Die meisten dieser sieben Komponenten benötigen nur wenige Sätze. Der Abschnitt substanzielles Feedback dauert in der Regel mehrere Minuten.
Unten abgebildet sind die sieben Komponenten mit jeweils einer Beschreibung des Inhalts und exemplarischen Formulierungen.
Schritt | Inhalt | Beispiele |
Begrüssung | Eine dialogorientierte, informelle Begrüssung. | «Hallo Claudia / Guten Tag Herr Meier, danke für deine / Ihre Arbeit.» |
Beziehungsarbeit | Die Studierenden anerkennen und wertschätzen, einschliesslich ihrer persönlichen Umstände. | «Ich sehe, Sie haben einige Änderungen bei der Einführung vorgenommen …» |
Ziel des Feedbacks | Erläuterung, dass das Feedback nur auf einige zentrale Aspekte und nicht auf jedes Detail eingeht (Studierende können die Qualität der Arbeit verbessern). | «Ich werde auf ein paar wesentliche Aspekte eingehen. Ich denke, damit können Sie die Qualität Ihrer Arbeit noch einmal steigern.» |
Bewertende Zusammenfassung | Generelle Einschätzung der Arbeit, einige Stärken und Schwächen. | «Das theoretische Fundament Ihrer Arbeit ist sehr solide. Die Forschungsmethode muss geschärft werden und die Planung der statistischen Auswertung ist zu wenig präzise.» |
Textliche Aspekte (falls relevant) | Kurze Beschreibung der Herkunft, Muster und Umfang der textlichen Probleme (bei einem Grobkonzept weniger relevant als gegen Ende der Arbeit). | «Ihre Zitation ist hier und hier nicht konsistent mit dem von uns verlangten APA-Style.» |
Substanzielles Feedback | Stark abhängig vom Kontext und vom Stand der Arbeit. | «Aktuell fokussiert Ihre Arbeit auf die Perspektive X. Die Autoren Y beleuchten die Perspektive Z und Ihre Arbeit würde davon profitieren, diese einzubeziehen.» |
Verabschiedung und Einladung | Beziehungsarbeit im Vordergrund, Studierende mit Namen ansprechen und Gratulation oder Mitgefühl zum Resultat der Arbeit. | «Ich bin gespannt, wie Sie Herausforderung X lösen … » |
Good Practice
- Fast alle Screencast-Programme erlauben es, die Aufnahme (zum Beispiel nach 30 bis 45 Sekunden) zu pausieren. Dies ermöglicht es, einen Teil des Feedbacks aufzuzeichnen, das Recording zu pausieren und zunächst die Gedanken zu sammeln, bevor der nächste Aspekt des Feedbacks aufgezeichnet wird. Dadurch kann das Feedback wesentlich konziser und zielgerichteter werden.
- Um das Feedback mehr wie einen Dialog zu gestalten, können Dozierende den Studierenden den Auftrag geben, einige Fragen zu formulieren, zu denen sie gerne Feedback erhalten möchten. Diese schicken sie mit, wenn sie die Arbeit abgeben. Eine Alternative dazu ist, dass die Studierenden vorweg die Stärken und Schwächen ihrer Arbeit einschätzen.
- Wenn die Feedbackgebenden wissen, welche Fragen die Studierenden beschäftigen, fällt es wesentlich leichter, Rückmeldung zu geben – und zwar genau da, wo der Schuh drückt. Das Feedback wird konstruktiv und zielgerichtet.
- Es empfiehlt sich, zunächst die zwei, drei Fragen zu beantworten und dann auf weitere Aspekte einzugehen, zum Beispiel etwas, das besonders gründlich oder innovativ gemacht wurde oder ein Aspekt, bei dem Potenzial für Lernen, Entwicklung oder Optimieren besteht.
- Das Feedback muss nicht alle Aspekte thematisieren oder alle Verbesserungspotenziale adressieren – ganz unabhängig vom Niveau der Arbeit. Stattdessen sollte das Feedback die zentralen Stärken und Schwächen nennen sowie Lücken im Lernprozess aufdecken und zeigen, wie diese geschlossen werden können.
- Bei ungenügenden Konzepten reicht es, auf die zwei, drei dringendsten Aspekte zu fokussieren. Das Feedback muss nicht so umfangreich sein, dass die Bestnote erreicht werden kann. Das ist ohnehin meistens nicht das Ziel dieser Studierenden.
- Das Feedback muss nicht geschnitten oder aufpoliert werden. Schriftliches Feedback wird in der Regel gründlich durchdacht, ausformuliert und fehlerfrei notiert. Bei Audio- oder Videofeedback ist das nicht notwendigerweise zielführend, da dies (zu) viel Zeit kosten würde. Ähms, kleine Grammatikfehler oder sogar ein Abbrechen mitten im Satz sind erlaubt und menschlich. Die Erwartungen der Studierenden an die formale Korrektheit eines Videofeedbacks ist viel geringer als bei einem schriftlichen Feedback.
Stand der Forschung
- Moore and Filling (2012) kamen zum Schluss, dass beim Videofeedback weniger kurze Anregungen und korrigierende Kommentare gemacht und stattdessen einige Punkte sorgfältig ausgeführt und spezifische Details genannt wurden.
- Mehrere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwähnen eine Verlagerung des Fokus von oberflächlichen Rückmeldungen (Tippfehler, Grammatik und Syntax) hin zu substanzielleren Themen (konzeptionelle akademische Aspekte wie Argumente, Analyse und Synthese) der studentischen Arbeit (vgl. Henderson und Phillips 2015; Lamey 2015; Orlando 2016; Thompson und Lee 2012; Vinclette und Bostic 2013).
- Videofeedback scheint von Natur aus dialogorientierter zu sein als schriftliches Feedback. Studierende wie Feedbackgebende berichten, dass das Videofeedback sich anfühlt, als ob man mit der anderen Person in einem Gespräch wäre (obwohl das Video asynchron aufgezeichnet wird und kein tatsächlicher Dialog stattfindet) (vgl. Grigoryan 2017a; Anson et al 2016).
- Zwei Studien kamen zum Schluss, dass Videofeedback persönliche Gespräche zwischen Dozierenden und Studierenden förderten und die Beziehung verbesserten (vgl. Anson et al 2016; Vinclette and Bostic 2013).